Wie das Internet zum modernen Nervensystem des „globalen Gehirns“ wurde
Heute schon Bewusstsein verknüpft?
Die Wandlung von einzelnen Individuen zu einem „globalen Ich“ setzte nicht erst mit dem Internet-Zeitalter ein. Die moderne Wissens-Vernetzung durch die neuen Medien hat aber die Entwicklung und somit auch die rasche Veränderung der Gesellschaft entscheidend mitbeeinflusst. Dem „globalen Gehirn“ sind wir mittlerweile schon längst näher, als viele glauben. Ein bisschen Science Fiction darf da auch nicht fehlen.
Zugegeben, selbst der legendäre Albert Einstein hatte ein kleines Gehirn. Aber dieses war dafür extrem gut vernetzt. Ein kleines Beispiel, das zeigt: Beim Hirn kommt es nicht auf die Größe an, es arbeitet vielmehr durch die Vernetzung seiner Bestandteile – die so genannte synaptische Verbindung. Synapsen sind einfache Speicher, ähnlich einem Bit bei Computern. Wie sich Wörter aus Buchstaben zusammensetzen, setzt sich jeder Gedanke aus der Schaltung von gleich mehreren Millionen Synapsen zusammen. Die „gemeinschaftliche Intelligenz“ gleicht in dieser Hinsicht den Regeln der Kommunikation: Daten senden, verarbeiten und empfangen. Wo wir auch schon bei den ersten Gemeinsamkeiten zwischen einem Gehirn und der menschlichen Gesellschaft wären.
Vernetzung- Eine Nicht so Neue Idee
Die „Vernetzung“ wie wir sie alle heute aus der Online-Welt kennen, hat der Mensch schon lange vor dem Auftauchen des Internets gesucht. Schon die Lehren des Transhumanismus wussten von der Erweiterung des menschlichen Körpers und Geists durch Technologie und Wissenschaft. Die Entwicklung funktionierte nicht mehr nach den unkontrollierbaren Kriterien der Evolution, sondern nach vorgegebenen Zielen der Gesellschaft. Dabei bedient sich der Mensch sich moderner Möglichkeiten wie der Biotechnologie, der künstlichen Intelligenz und der zunehmenden Technologisierung des Körpers. Der Mensch bestimmt also sehr wohl bewusst, wie die nächste Generation oder er selbst in Zukunft sich verändert.
Der vielbeschworene „Massengeist“ der Gesellschaft entsteht genau durch solche Motive: durch den Drang nach Vernetzung seiner Einzelteile – der Einzelpersonen. Mit dem Internet hat der Mensch nun ein Werkzeug in der Hand, das ihm genau diese Möglichkeit der Vernetzung bietet. Noch nie zuvor konnten sich Informationen von Mensch zu Mensch, von Mexiko bis Timbuktu in solcher Windeseile verbreiten. Freilich: Die menschliche Entwicklung setzt auch die richtige Aufnahme von Informationen und deren Verarbeitung voraus. Durch stetige Wissensvermehrung profitiert also auch die menschliche Entwicklung.
Dabei wird der Entwicklung des Gehirns mittlerweile bereits eine größere Bedeutung zugemessen als jener des dazugehörigen Körpers: Der Mensch trachtet zunehmend danach, sein Hirn in eine Maschine zu verlagern, die nicht der Evolution unterliegt, sondern von Menschen geschaffen wird. Die Folge: Die Evolution wird unwichtig, denn der Mensch wird selbst zur „Maschine“, die er eigenhändig verändert. Erste Schritte vom Homo Sapiens zum Techno Sapiens sind bereits erfolgt – und klingen mehr als abenteuerlich: Verlorene Gliedmaßen können durch technische Transplantate ersetzt werden und mit Mikrochips im Nervensystem bewegt werden. Durch so genannte Brain Computer Interface (kurz BCI) kann der Mensch Maschinen durch bloße Gedankenkraft steuern. Am Ende dieser Entwicklung stehen regelrechte Science Fiction-Pläne: So ist die Entwicklung eines Exoskeletts nicht mehr unrealistisch, in das man einfach sein Gehirn „transplantiert“ – die Filmfigur des „Iron Man“ lässt da gehörig grüßen. Next stop: Unsterblichkeit.
Gesucht: der gerechte Zugang zum Internet
Apropos Überleben: In der Evolution war es immer diejenigen, die überlebt haben, die sich am besten anpassen konnten. Die Unangepassten, meist von der Gesellschaft gebrandmarkte Outsider und Exzentriker, starben einen einsamen Tod. Doch die Geschichte muss wohl neu geschrieben werden: Denn globale Verbundenheit durch das Internet kann dieser Entwicklung entgegenwirken, indem es für solche Menschen außerhalb des Mainstreams erstmals die Möglichkeit bietet, andere Gleichgesinnte beispielsweise in einem Chat oder einem Diskussions-Forum ausfindig zu machen. Subkulturen können also in den Weiten des World Wide Web besonders gut entstehen und auch gedeihen.
Die Voraussetzung für die universale Vernetzung ist der freie Zugang zum Internet. Zwar ist das Web längst das profitabelste Geschäft der Welt. Doch das Internet ist großteils immer noch ein Privileg des reichen Westens. Grundprinzipien wie Informationsfreiheit werden dem Profitinteresse hintangestellt. Nicht wenige wünschen sich eine übernationale Institution ähnlich der UNO. Zudem fehlt noch eine Werteorientierung nach dem Vorbild der Menschenrechte, die den Betreibenden als Leitbild dient. Unterschiedliche Rechtsgebungen, auseinanderklaffende politische Interessen verschiedener Politiker aus verschiedenen Nationen verhindern oftmals den freien Informationsfluss, wie am Beispiel Chinas oder Ägyptens zum Zeitpunkt der Massendemonstrationen im Jänner 2011 erkannt werden konnte.
Der völlig freie Zugang zum Wissen steht den wenigsten Menschen frei – eigentlich eine Grundvoraussetzung für die nächste Stufe unserer Gesellschaft. Kein Wunder, das die Rufe nach einem internationalen Web-Recht immer lauter werden. Die so genannte „WikiLeaks-Revolution“ hat diesen Wunsch zuletzt deutlich gezeigt. Beispiele wie diese veranschaulichen die Entstehung eines Bewusstseins dafür, wie wichtig der Schutz von Vielfalt und Individualität für die Entwicklung der Gesellschaft sind. Um einen rechtlichen Schutz für ungehinderte Informationsverteilung zu erreichen, muss ein allgemeingültiges Gesetz geschaffen und freier, kostenloser Zugang zum Internet gewährt werden.
Um die Entwicklung in diese Richtung zu fördern, muss jedoch auch ein regelrechter Gesellschaftswandel vollzogen werden: Bisher hatten wir es vor allem mit einem technokratischen System zu tun: Darunter versteht man ein politisches System, in dem die Entscheidungsmacht bei einer Elite von Wissenden, Technikern und Wissenschaftlern liegt. Politische Entscheidungen werden durch rationales Denken und wissenschaftliche Beweise bestimmt. Fortschritt, Entwicklung und Wissensvermehrung würden vermutlich der Technokratie als Leitgedanken dienen. Soziale Forderungen werden hingegen nur nach gerechten Kriterien bewertet und des Öfteren ignoriert, wodurch die Interessensvertretung von Minderheiten leidet und gesellschaftliche Vielfalt gefährdet wird.
Dem gegenüber steht die Idee der „flüssigen Demokratie“: Diese besagt, dass jede wahlberechtigte Person zu jeder politischen Entscheidung ein Mitbestimmungsrecht besitzt. Gewährleistet wird dies dadurch, dass jeder Wahlberechtigte seine Stimme aktiv und von sich aus abgibt und nicht nur alle vier Jahre einer Partei mit einem unverbindlichen Programm. Die Folge davon ist, dass die Teilnahme am politischen Geschehen tatkräftiger abläuft, als bisher. Zusätzlich kann dadurch garantiert werden, dass nicht einer Partei, also einem Parteiprogramm, in allen Punkten Macht erteilt wird. Ist man zum Beispiel vom Umweltprogramm der Grünen begeistert, gibt man seine Stimme diesem Vertreter, bevorzugt man jedoch die Bildungspolitik der „Piratenpartei“, erteilt man seine Stimme dieser Vertretung und findet man gar keinen Vertreter für ein gewisses Thema, stimmt man selbst oder gar nicht zu einem Thema ab. Ebenso wäre es möglich, in offenen Bürgerforen selber politische Vorschläge vorzutragen, die online diskutiert werden und zu einer Volksabstimmung führen können. Eine Vernetzung von Politik und Gesellschaft, wie sie sicher nur moderne Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten ermöglichen, die Vielfalt und Individualität fördern.
Transhumanismus ist Überall
Fazit: Das Internet ist in nur wenigen Jahren zum Nervensystem des gemeinsamen Gehirns geworden und der Mensch die Synapse in diesem Gehirn. Die Lehren des eingangs erwähnten Transhumanismus sind längst kein Ammenmärchen mehr und auch keine philosophische Betrachtungsweise darüber, wie der Mensch sich entwickeln soll. Transhumanismus findet statt: In jedem Forschungslabor, in jeder Schule, in jedem Forum, in jedem Gespräch zwischen Menschen und Menschen und Computern und Büchern und Allem und Jenem. Über seinen Körper hinaus verbindet sich der Mensch mit allen möglichen Mitteln bewusst mit seiner nahen und fernen Umgebung, um Informationen zu sammeln, sein Bewusstsein und Gedächtnis zu erweitern, wodurch er sich weiterentwickeln kann und wird. Ob wir am Ende dann auch wirklich alle zu „Iron Mans“ werden, das muss die Zeit erst noch zeigen…
Text Xandi & Michael
