Alt, grau, leblos. Dass das Stadtbild vielen jungen Menschen nicht gefällt, ist bekannt. Und sie tun auch etwas dagegen. Nur statt zu Spraydosen greifen immer mehr StraßenkünstlerInnen zu Pflanzen. Mit „Samenbomben“ in der Tasche und Schaufel im Gepäck rücken sie aus, um die Stadt zu verschönern. Guerilla Gardening heißt dieser Trend, der gerade ein Revival erlebt. Hier eine Kletterpflanze, dort noch eine Blume – sieht doch gleich besser aus. Und wir machen nicht nur uns selbst eine Freude.
Die Zeiten der blutigen Guerillakriege a la Che Guevara sind allerdings lange vorbei. Warum trägt diese Bewegung dann so einen eigenartigen Namen? „Gartenarbeit ist immer ein Kampf“, schreibt GG-Guru Richard Reynolds im Vorwort zu seinem Buch „Guerilla Gardening“. Auch sonst findet er immer wieder Gemeinsamkeiten zwischen der Guerillataktik und dieser speziellen Art des Gärtnerns. Schließlich hat ja auch Che Gartenmetaphern benutzt, als er von der „Saat von Revolution und Propaganda“ und den „Früchten der Zerstörung“ schrieb. Mao Zedong wagte gar zu behaupten, „zwischen einem Soldaten und einem Bauern gibt es keinen großen Unterschied“. So dürfen diese und weitere große Führer im Buch immer wieder zu Wort kommen.
Auch zur Geschichte des Guerilla Gardening hat Richard Reynolds einiges zusammengetragen. Er erzählt von Gerrard Winstanley, der im England des 17. Jahrhunderts aktiv war. In Zeiten der Nahrungsknappheit hatte er dazu aufgerufen, auf ungenutzten Wiesen und Heiden des Königreiches Gemüse anzubauen. Die Bewegung wuchs, und sie entsprach ganz dem Geist der Guerilla. Es ging schließlich um Leben und Tod, und um das Wohl aller.
Neben historischen Infos enthält das Buch noch viele praktische Tipps und Anleitungen, weshalb es mittlerweile als die Bibel aller GuerillagärtnerInnen gilt. Noch praxisorientierter ist das „Guerilla Art Kit“ von Keri Smith. Hier werden verschiedene Formen von Straßenkunst vorgestellt, die aber das gleiche höhere Ziel haben.
Aber worum geht es bei dieser skurrilen Art des Gärtnerns eigentlich genau? Das ist jeder Guerillera und jedem Guerillero selbst überlassen. Das besondere an Guerillakämpfern ist, dass sie niemandem unterstellt sind. Sie kämpfen nur für sich selbst, und machen, was sie für richtig halten. Das macht auch den Reiz des Guerilla Gardening aus, da kein Projekt dem anderen gleicht. Auch die Motive unterscheiden sich deutlich. Der eine will verwahrloste Flecken Erde wiederbeleben, die andere den Traum vom eigenen Garten wahr werden lassen. Von bunten Blumenfeldern auf Verkehrsinseln, über begrünte Gehwege, bis hin zu Zucchini im Hinterhof ist nichts unmöglich.
Richard Reynolds hat begonnen, weil er seinen Wohnort verschönern wollte – einer der häufigsten Antriebsgründe für GuerillagärtnerInnen. In seinem Fall war es der Vorgarten einer Hochhausanlage, der von der Stadt vernachlässigt wurde. Mit der Zeit entstand dort eine nicht nur botanisch bemerkenswerte Grünfläche. Er bekam zwar kurz Ärger mit der Stadtbehörde, hatte aber seine MitbewohnerInnen hinter sich. Schließlich kam auch von offizieller Seite der Zuspruch.
Andere nutzen Guerilla Gardening für gezielten politischen Protest. Sie pflanzen zum Beispiel Blumen in Form eines Friedenssymbols oder setzen Dornbüsche auf Golfplätze. Aus Abneigung gegen Monokulturen werden auch gerne Wiesen und Felder „aufgepeppt“. Oder sie werden gleich zu Gemüsefeldern umgeackert.
Guerilla Gardening lebt von den kleinen und manchmal auch großen Erfolgen. Das kann der Zuspruch von begeisterten PassantInnen sein oder manchmal Berichte in den Medien. Ganz oben auf der Liste des Erreichbaren steht die Genehmigung eines Gemeinschaftsgartens: Dort ist alles erlaubt, was die Menschen glücklich macht. Die Flächen werden nicht nur als Erholungsraum, sondern auch zum Anbau von Obst und Gemüse genutzt. Oft entstehen die Gärten aus BürgerInneninitiativen, denen die Stadt ihren Segen erteilt hat. In New York, wo auf diesem Weg der erste offizielle „Community Garden“ entstand, gibt es mittlerweile fast 800 davon. Sie nutzen meist leere Grundstücke und verlassene Hinterhöfe – mit dem Nebeneffekt, dass an diesen Orten auch die Kriminalität abnimmt. Bei uns kennt diese besondere Art von Grünzonen noch kaum jemand. Aber das könnte sich ja jederzeit ändern…
Guerilla
Guerilla bezeichnet eine spezielle Art der Kriegsführung und ist das spanische Äquivalent zu Partisanen. Charakteristisch für Guerilla sind lose organisierte Truppen aus Einzelkämpfern, die alle für ihre eigenen Ziele in die Schlacht ziehen. Sie haben dabei meist ein gemeinsames höheres Ziel, wie den Kampf gegen die Regierung und für Unabhängigkeit. Guerilleras und Guerilleros sind selbst Teil der Zivilbevölkerung und genießen oft auch deren Unterstützung.
Guerilla Gardening – ein botanisches Manifest
Richard Reynolds, den viele schon (fälschlicherweise) als Erfinder/Vater des Guerilla Gardening ansehen, hat seine Erfahrungen in einem Buch zusammengefasst. Das Werk enthält alles, was EinsteigerInnen brauchen, um selbst loszulegen. Auch Hintergrundwissen kommt nicht zu kurz. Wer schon länger gärtnert, findet hier immer eine nützliche Idee. Die weniger Aktiven dürfen lesen und staunen, und überlegen es sich dann vielleicht anders.
Eine Rezension des Buches findet ihr auf http://subtext.at
(einfach „Guerilla Gardening“ ins Suchfenster eingeben)
Links
http://Guerrillagardening.org – Homepage von Richard Reynolds, Treffpunkt für GärtnerInnen weltweit
http://YouGrowGirl.com – die mindestens genauso interessante Seite von Gayla Trail, mit vielen eindrucksvollen Fotos
