Zu erkennen, was unsere Ernährungsgewohnheiten für unsere Umwelt bedeuten, ist sicher kein schönes Erlebnis. Vielleicht kehren auch deshalb immer mehr Menschen der Fleischindustrie den Rücken zu und setzen auf alternative Lebensweisen. Aber was haben wir denn für Alternativen? Und ist es das wirklich wert?
Ob Schnitzel, Schweinsbraten oder Frankfurter, Fleisch gehört in einer typisch österreichischen Küche einfach auf den Tisch. Wer auf diesen „Genuss“ freiwillig verzichtet wird meist schief angeschaut, belächelt oder muss sich täglich dafür rechtfertigen. Doch die meisten Fleischfresser haben keine Ahnung,wo das Steak vom Mittagstisch eigentlich herkommt und wie es im Supermarkt gelandet ist. Die Mengen an tierischen Produkten, die ein durchschnittlicher Mitteleuropäer im Jahr verspeist, kommen aber nicht vom idyllischen Bauernhof aus der Werbung – sondernaus regelrechten Fabriken. Die Tiere, die dort unter kontrollieren Bedingungen leben, wurden speziell darauf gezüchtet, in kurzer Zeit enorm zu wachsen. Manche sehen nie das Sonnenlicht oder können in ihrem Stall nicht einmal umfallen, dazu ist einfach zu wenig Platz. Dass so ein Leben krank macht ist wohl klar. Deswegen werden auch Medikamente gefüttert.Neben den üblichen 5-10%,die diese Strapazen einfach nicht überleben, kommt für die restlichen Hühner, Schweine und Rinder im Schlachthof ein jähes Ende. Wenn sie den Transport dorthin überhaupt überstehen. 3,6 Mio. Schafe, 3,2 Mio. Rinder und 10,3 Mio. Schweine werden durchschnittlich alleine in Österreich pro Jahr in LKWs transportiert. Dass es in einem Schlachthof dann selten besonders harmlos und gewaltfrei zugeht, liegt wohl auf der Hand. Und wenn ein Rind nicht beim ersten Stromstoß bewusstlos wird, so stirbt es spätestens wenn es in zwei Hälften gesägt wird. Bis dahin hat es zumindest das Enthäuten und Ausbluten bei Bewusstsein erlebt. Solche Fälle kommen vor, viel zu häufig.
Am Planeten wird’s heiß!
In den letzten 50 Jahren hat sich der Fleischkonsum in Österreich verdreifacht. Weltweit sehen die Zahlen da teilweise noch schlimmer aus. Auf der Erde leben ungefähr doppelt so viele Schlachttiere wie Menschen, und sorgen mit ihren Fäkalien für eine beträchtliche Wasserverschmutzung. Um diese Menge an Tieren überhaupt produzieren zu können sind auch noch andere Wirtschaftszweige notwendig. So wird südamerikanischer Regenwald gerodet, um Anbauflächen für Soja zu schaffen. Die Ernte wird dann als Futtermittelüber den ganzen Globus verteilt. In Summe ist die Fleischproduktion mit allen ihren Nebenzweigen für bis zu 20% der weltweiten Treibhausgase verantwortlich.
Was tun?
Wer nicht länger die Augen verschließen will, wird sich fragen, was der/die Einzelne überhaupt verändern kann. Karen Duve hat sich dieselbe Frage gestellt und auch gleich ein Buch darüber geschrieben. „Anständig Essen – Ein Selbstversuch“ ist ein ständiger Kampf mit sich selbst. Jeweils zwei Monate lang hat sie sich ausschließlich biologisch, vegetarisch, vegan und schließlich frutarisch ernährt. Und immer wieder taucht die Frage auf: Wie weit kann ich gehen, um Leid zu verhindern? Und wie weit muss ich gehen?
Reicht es denn, wenn ich nur Produkte aus biologischer Landwirtschaft kaufe? Natürlich wird hier schon allein aus Kostengründen der Fleischkonsum sinken. Bei Bio-Obst und Bio-Gemüse ist der Preisunterschied zur Normalware nicht so groß. „Artgerechte“ Tierhaltung kostet eben um einiges mehr, als möglichst viele Tiere auf möglichst engem Raum mit möglichst billigem Futter aufzuziehen. Und doch bleibt bei der ganzen Artgerechtheit immer ein großer Widerspruch: „Wenn ich die Bedürfnisse eines Tieres auf genügend Auslauf, das richtige Futter und Kontakt zu Artgenossen respektiere, wie kann ich dann das existenziellste seiner Bedürfnisse, den Wunsch zu leben, ignorieren?“ (Karen Duve*)
Keine Tiere essen
VegetarierInnen gehen da noch einen Schritt weiter und wollen zumindest keine Leichen auf dem Teller liegen haben (Fischessende die sich so bezeichnen einmal ausgenommen). Manche wollen auch nur gesünder leben. Die Auswirkung auf das Klima ist aber auch keine geringe: 10 pflanzliche Kalorien sind für eine tierische nötig, bei direktem Verzehr der Pflanzen sinkt der ökologische Fußabdruck (siehe Infobox) also gewaltig. Ganz zu schweigen vom Regenwald, der jedes Jahr zum Anbau von Viehnahrung abgeholzt wird.
Aber auch für Milch und Eier müssen Tiere leiden – und sterben. Kühen werden ihre neugeborenen Kälber weggenommen, um an die Milch zu kommen. Die Kälber enden dann meist als Kalbsbraten, und wenn ihre Mütter von der ständigen Milchproduktion völlig ausgelaugt sind, dann enden auch sie auf dem Teller. Legehennen führen ein noch grausameres Leben. Denn auch in Bodenhaltung sind sie zusammengepfercht, können sich kaum bewegen und haben nichts anderes zu tun als ständig aufeinander herumzuhacken. Die männlichen Tiere (etwa die Hälfte der Neugeborenen) haben gar keinen Wert für die Wirtschaft, sie werden so schnell wie möglich getötet.
VeganerInnen wehren sich deshalb gegen jegliche Ausbeutung von Tieren. Das bedeutet, auf einiges verzichten zu müssen, wie Eier- und Milchprodukte, aber auch Lederwaren und an Tieren getestete Kosmetika – und natürlich auch Pelzmäntel. Wer plant, selbst Vegan zu leben, sollte sich am besten mit einem Arzt/einer Ärztin absprechen. Eine falsche Ernährung kann nämlich schnell zu Mangelerscheinungen führen.
Laborfleisch – eine Alternative?
Einen völlig neuen Ansatz bietet uns die Stammzellenforschung. Es ist nämlich auch möglich, ganze Fleischstücke aus einzelnen tierischen Stammzellen zu züchten. Die Meinungen dazu sind geteilt. Während Einige in dieser Methode einen Weg sehen, auch ohne Mord Fleisch zu produzieren/essen, haben KritikerInnen Bedenken. Auch hier handle es sich schließlich um Leben, wenn auch ohne Organismus (ähnlich wie bei Einzellern/Bakterien), und auch hier würde dieses Leben zerstört. Aber auch die praktische Umsetzung funktioniert noch nicht richtig: Es können zwar aus Muskelzellen Fleischstücke gewonnen werden, aber diesen fehlen für die richtige Struktur Fasern, welche nur durch Muskelaktivität entstehen. ForscherInnen versuchen nun, das Fleisch mit Stromstößen zu “trainieren” – eine eher langwierige und kostspielige Angelegenheit. Ein solches “Schnitzel” würde also das x-fache des Preises für “normales” Fleisch kosten.
Wir haben die Wahl
Bei einem Haustier würde man nie überlegen, ob man es nicht auch am nächsten Tag verspeisen könnte. Doch was macht dieses Tier so besonders, dass es eine andere Behandlung bekommt die Schweine, Kühe, Hühner und Co nicht verdient haben. Die bei uns üblichen Nutztiere sind genauso intelligent wie andere und haben teilweise ein viel besser entwickeltes Gehirn als die Mehrschweinchen oder Ratten, die in den Kinderzimmern gehegt und gepflegt werden. In Indien sind Kühe heilig, dafür werden Hunde verspeist. Die Wahl, welches Tier leben darf und welches unter Qualen für unser Mittagessen sterben muss, scheint sehr willkürlich zu sein.
Ob man Tiere essen will oder nicht sollte jedeR für sich selbst entscheiden. Dass es aber auch gesund ist ganz oder zumindest großteils darauf zu verzichten ist bewiesen.
ökologischer Fußabdruck: Maß für die Fläche, die wir durch unsere Lebensgewohnheiten auf der gesamten Erde für uns beanspruchen, also die nur für unser Leben benötigt wird
Buchtipp: Wenn ihr mehr zum Thema erfahren wollt empfehlen wir die Bücher Anständig essen – Ein Selbstversuch von Karen Duve und Tiere Essen von Jonathan Safran Foer. Eine Auswahl an vegetarischen Rezepten findet ihr im neuen „Kochbuch für eingefleischte Vegetarier“.
*Interview aus der Zeitschrift „Stern“ vom 22.12.2010
Text: Andreas Kepplinger & Michael Straub
Fotos: a_kep
