Von wieder blauen Himmeln und dem Lichtstreif am Horizont

Voest | noledge (cc by-nc-sa)

Linz 2009, das Ruhrgebiet 2010. Gewaltige Ressourcen wurden freigemacht, um ein Jahr lang dichtes und herausragendes Programm zu bieten. Doch was bleibt davon? frischluft sprach mit Protagonisten der Kulturhauptstadtjahre. Eine Bestandsaufnahme. Und: eine Verstandsaufnahme.

Sie galten beide ein wenig als diese Schmuddelkinder, vor denen die Eltern warnen, die in der Schule zumeist im Eck stehen, im herabgekommenen Gemeindebau wohnen. Nur, dass sie eben keinen der stereotypisierten Namen trugen, von denen man „eh schon immer gewusst hat…“, sondern klingende Namen von Welt. Um dem steigenden heimischen Bedürfnis nach Polemik gerecht zu werden: Nicht Ahmed oder Kevin, nein, Linz und das Ruhrgebiet füllten diese Rolle aus.

So weit, so klischeehaft. Da das, was hier folgt, aber kein Schauermärchen des Boulevards werden soll, wird ab nun, da ihr offensichtlich erfolgreich zum Lesen animiert worden seid, sachlicher gearbeitet. Hätten wir also geklärt, was nicht Zweck dieser Reportage ist. Bleibt die Frage, worum es denn hier gehen soll:

Dicke Luft

Als der deutsche Kanzlerkandidat Willy Brandt 1961 forderte, dass der Himmel über dem Stadtkonglomerat im Nordwesten der Bundesrepublik wieder blau werden müsse, wurde er von der Öffentlichkeit hauptsächlich belächelt. Den Ruhrpott als Vorzeigeregion für das Wirtschaftswunder durch Luftschutzmaßnahmen in seiner Bedeutung für Arbeitsmarkt und Aufschwung beschneiden? Das war zu diesem Zeitpunkt kein allzu populärer Standpunkt. Auf humoristische Querschüsse wie Georg Kreislers „Gelsenkirchen-Lied“, in dem er von einem „urgemütlichen Grubengas-Paradies“ singt, wurde mit ähnlichen Stilmitteln geantwortet: „Woanders isses auch scheiße!“ Bis Mitte der 1980er sollte es dauern, bis der Himmel über der Ruhr wieder richtig blau und die Wäsche beim Trocknen an der frischen Luft nicht sofort wieder dreckig wurde. Das lag dann allerdings eher daran, dass aufgrund wirtschaftlicher Gegebenheiten nach und nach ein Werk nach dem anderen schließen musste und etwa die Hälfte aller Jobs in der Industrie verloren ging.

Anders die Situation in Linz, zwar ebenfalls eine Stadt, die sich stark über ihre Industriestandorte definierte, allerdings erst seit dem zweiten Weltkrieg so richtig von diesem Wirtschaftszweig lebte. Hier bedurfte es keines wirtschaftlichen Niedergangs von Voest und Co, sondern der Zivilgesellschaft, die sich gegen den Zustand der Linzer Luft und für Regulierungsmaßnahmen der industriellen Emissionen engagierte und damit auch Erfolg hatte.

Zwei unterschiedliche Wege also, an deren Ende jeweils ein Etappensieg für die durch aus angeschlagene Umwelt stand, symbolisiert durch verbesserte (wenn nicht sogar: neue) Luftqualität, durch einen Himmel natürlicher Farbgebung.
Etwa 20 Jahre später sollten beide Regionen eine weitere Parallele in einem alternativen Entwicklungsprozess erfahren. Das oberösterreichische Linz gestaltete sich 2009 zur europäischen Kulturhauptstadt, 2010 gab sich der westfälische Ballungsraum die Ehre. In beiden Programmen spiegelte sich der Wille zu Aufarbeitung, kreativem Umgang und Veränderung des industriellen Erbes wider, in den Resümees war dann auch von Imagegewinnen, einem „massiv gestärkten Selbstbewusstsein“ und neuem Stolz der lokalen Bevölkerung die Rede, das Ruhrgebiet bekam in Form mehr oder weniger origineller Wortspiele Anerkennung: Nicht mehr Staub, sondern Zukunft werde von nun an
geatmet; statt Kohle werde Kultur gefördert. Allesamt hübsche Floskeln, aber wie viel Substanz steckt da dahinter? Kann man nach so kurzer Zeit bereits die Nachhaltigkeit der Bemühungen in den jeweiligen Jahren beurteilen? Nun – man kann es wenigstens versuchen!

Kurzer Atem?

Anfang 2009 sprach Martin Heller, Intendant von Linz09 und im deutschsprachigen Kulturbetrieb einer der Umtriebigsten, im Interview mit der deutschen FAZ von einem „alltäglichen intellektuellen Vakuum“ das in Linz herrsche und das es zu überwinden gelte.
Keine besonders nette Aussage, in Anbetracht der großbürgerlichen Herkunft der Frankfurter Allgemeinen aber nicht schwer einzuordnen: Heller wollte hier – mit durchaus legitimen rhetorischen Mitteln – auf einen Mangel an „üblichem bürgergesellschaftlichen Diskurs“ hinweisen, damit hatte er auch Recht. Sabine Funk von der oberösterreichischen Kulturplattform Kupf meint hierzu, dass nur enttäuscht werden könne, wer in Linz den Intellekt eines großstädtischen Bildungsbürgertums suchen. Linz sei nun mal eben keine Großstadt, sonder besteche durch eine vielfältige und heterogene Szene, die von verschiedensten sozialen Schichten geprägt werde und diese Auseinandersetzung vielleicht nicht als Intellekt per se zur Schau trage.
Ob sich das geändert hat? Wenn es nach Funk geht, hat es Linz im Jahr 2009 bis zum Aufkeimen eines Dialoges geschafft, „genau in diesem Jahr. Ja, und dank dieses Jahres. Weiter ist es nicht gekommen, die neuen Ideen fehlen.“

In der Tat – wo sind die neuen Ansätze, die eine potenziell interessierte Bevölkerung zum Dialog und zur Initiative provozieren? Martin Heller sieht den Ball hier bei der Stadt liegen, an ihr liege es, aus den Anstößen und geschaffenen Ressourcen von Linz09 etwas Andauerndes zu schaffen. Dass man nach etwas mehr als einem Jahr noch nicht viel über eine Nachhaltigkeit des Kulturjahres sagen könne, das betont Heller immer wieder. Die großen Signale in diese Richtung sieht er allerdings noch nicht. Ein wenig wirkt er schon froh darüber, dass wenigstens einigen alten Projekten das Vertrauen geschenkt wird, wenn sich sonst schon nichts tut.
Als schönes Beispiel hierfür nennt er den Kepler-Salon, geboren aus dem Wunsch, einen ideologiefreien Raum für wissenschaftlichen Dialog zu schaffen. Damit werde die Neugier der durch den Proporz polarisierten Gesellschaft auf eine Weise gestillt, die nicht „eingefärbt“ ist. Möglicherweise ist dies einer der ersten nachhaltigen Schritte, das genannte Vakuum zu füllen.

Genauso gut möglich ist allerdings auch das Gegenteil. Sabine Funk ortet zumindest eine Teilschuld am derzeitigen Stillstand bei der Struktur der Kulturhauptstadtorganisation, „keiner der Linzer Kunst- und KulturprotagonistInnen wurde 2009 mit soviel Vertrauen bedacht, um richtungsweisend mitgestalten zu können. War zu vielen Linzer Kunst- und Kulturschaffenden eine Statistenrolle zugeteilt, so sind nun die implantierten MacherInnen wieder dahin.“
Ein Vorwurf, der bereits im Vorfeld von Linz09 von der freien Szene lautstark geäußert wurde und auch nach einigen Treffen mit der Intendanz bis heute im Raum stehen. Martin Heller ist weiterhin der Meinung, die (auch finanzielle) Balance zwischen freier Szene und etablierter Kunst geschafft zu haben, Erstere fühlt sich bis heute übergangen.

Hatte das Jahr 2009 der Stadt nach Einschätzung der meisten Kommentatoren noch zu einem „neuen Selbstbewusstsein“ verholfen, hatte die Stadt „erstmals auf die kulturelle Landkarte gesetzt“, so ist heute nicht klar, wohin die Reise geht. Klar, die Stadt Linz hat eine solide wirtschaftliche Basis, muss sich mit der Kreativwirtschaft kein neues Standbein aufbauen. Und ja, der Begriff Finanzkrise ist durchaus ein Begriff. Gezielte Impulse müssen aber nicht zwangsläufig viel Geld kosten, bei entsprechender Einbindung und positiver Forderung der thematisierten Zivilgesellschaft ist auch ohne schlaflose Nächte des Finanzstadtrates vieles möglich und noch mehr zu gewinnen. Der Westring (in seiner jüngsten Konjunktur ein klassisches Beispiel des beklagten Proporzes) wird Österreichs drittgrößter Stadt leider nicht den sinnbildlichen Platz
auf der Landkarte absichern. Und das nicht deshalb, weil es bald eine weitere Möglichkeit gibt, die Stadt zu umfahren…

Frische Luft

Eine etwas andere Ausgangslage herrschte 800km nordwestlich von Linz. Die 53 Kommunen des Ruhrgebiets hängen zwar ebenfalls nicht utopischen Träumen nach, ihre durchwegs schweren Haushaltsdefizite durch eine starke Kreativwirtschaft gesunden zu lassen. Sie haben allerdings verstanden, dass „Stadtentwicklung ohne Kultur nicht mehr möglich sei“. Das sieht Dieter Gorny, künstlerischer Direktor der Ruhr.2010 GmbH, so, das sieht Martin Heller so. An der Umsetzung dieser Philosophie können sie nach Ablauf des Hauptstadtjahres beide nicht mehr viel ausrichten. Das ist ein Grund, warum die Macher der größten europäischen Kulturregion vor den Fehlern, die im Anschluss an das Vorgängerprojekt an der Donau begangen wurden, warnen: „Wir können uns nicht ein Jahr lang aufspielen und dann plötzlich die Ressourcen schwächen.“ Der andere: Der Ballungsraum zwischen Ruhr und Rhein kann es sich noch weniger leisten, die Investitionen einfach so verpuffen zu lassen, als die reichere Region Linz. Ein Struktur- und Imagewandel ist hier viel praktischerer Natur, Kultur als entwicklungspolitisch relevanter Akteur ist hier – ob man es will oder nicht – von immenser Bedeutung. Man nehme nur die zahlreichen Industriebauten, oft mitten in der Stadt, deren Potenzial brachläge, hätten sich nicht kulturelle Nutzer dort angesiedelt. Was hier, besonders in den letzten Jahren, an Nachnutzung und Adaptionen geschehen ist, stellt eine riesige Aufwertung der jeweiligen Städte dar, siehe Essen und die Zeche Zollverein – zentraler Moment von Ruhr.2010.

Auch wenn es im Fall Ruhr.2010 noch schwieriger zu beurteilen ist, welche anhaltenden Effekte dieses eine Jahre hat, steht jetzt schon etwas fest, was Linz bis jetzt noch nicht zustande gebracht hat, nämlich die Agenden der durchführenden Gesellschaft einer anderen Institution zu übergeben. Mit bislang knapp fünf Millionen pro Jahr, die von den Körperschaften zusätzlich zum normalen Kulturbudget zugesagt wurden, ist auch ein ordentliches Budget vorhanden, mit dem neue Impulse gesetzt werden können. Gesetzt den Fall, dass dies wirklich nicht auf Kosten der „gewöhnlichen“ Subventionstöpfe geschieht und dass die freie wie die etablierte Szene ausgewogen bedacht werden, besteht hier also durchaus Grund für Optimismus.

Der Horizont – fern oder greifbar nahe?

Es ist wie gesagt ein fast unmögliches Unterfangen, die Nachhaltigkeit der Kulturhauptstadtjahre jetzt schon beurteilen zu wollen. Sehr wahrscheinlich tut man auch vielen der hier genannten Personen und Körperschaften Unrecht, wenn man jetzt schon ihr Handeln beurteilt. Genauso wenig wird es aber schaden, den Prozess durch kritische Sichtweisen zu animieren, die lodernde Glut weiter zu befeuern. Denn wenn Heller von einem anstehenden Generationenwechsel innerhalb der oberösterreichischen Politik spricht und Funk Personen einfordert, die die Kraft haben, den Spielraum offen zu halten und nötigenfalls zu verteidigen, dann ist auch völlig klar, wer damit angesprochen ist. Vom Schüler bis zum Hackler in der Voest, vom Bürgermeister zum Uniprofessor – wer in seiner Stadt nicht leben, sondern sie lieben will, der bringt sich ein.
Die Himmel über Donau und Ruhr wären wieder blau – was mit dem Lichtstreif am Horizont geschieht, weiß noch niemand.

Text Julius
Fotos noledge (cc by-nc-sa), Linz09 / Tollerian, Terence S. Jones

Bookmark and Share

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>